Geschichte einer Dorfkirche
Die Geschichte unserer Kirche
Mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber von „800 Jahre Glindenberg Geschichte und Geschichten – Eine Festschrift“ Juni 2012 (medien&büro Ronald Floum, Glindenberg)
Heuwiese, Krieg und Hochwasser - ein Pastor erinnert sich
Gestatten, dass ich mich Ihnen vorstelle: Mein Name ist Christian Becker. Von 1657 an führte ich 38 Jahre lang als Pastor der Gemeinde Glindenberg und Hohenwarthe das Kirchenbuch. Natürlich kann ich nicht in echt mit Ihnen reden, die Buchautoren haben meiner Figur, die tatsächlich hier in Glindenberg lebte, literarisch und optisch Leben eingehaucht. Ein wenig aus der beschwerlichen Zeit - bevor ich meinen Dienst hier antrat und nach meinem Tode 1695 - will ich auf den kommenden Seiten erzählen.
Aus Glindenberg selbst stammt ein ansehnliches Ministerialgeschlecht (Ministeriale waren im Dienst stehende Personen, heutigen Beamten vergleichbar. Im Frühmittelalter waren sie Verwalter für Königsgüter, aber auch für den überregionalen Adel und für die Klöster auf lokaler Ebene tätig), das bereits im 13. Jahrhundert Erwähnung fand. Es begann mit dem Geschlecht 1238 Johann von Glindenberg, 1287 Ritter Heinrich, 1287 Knappe Johann Heinrich, 1307 Ritter Johann (131 1, 1313, 1316 und 13 18 nochmals erwähnt), dass im 14. Jahrhundert erlosch.
Die ältesten kirchlichen Nachrichten über die Gemeinde die ich finden konnte, stammen aus der Reformationszeit. Nur eine einzige Randnotiz aus dem Mittelalter berichtet, dass Glindenberg mit Neuhof, Rothensee und Wardenberg früher zum Bistum Brandenburg und zur Propstei Leitzkau gehörte. Bekanntlich hatte die Elbe früher einen westlichen Verlauf bei Elbeu. Diese kirchlichen Beziehungen hörten mit der Reformation auf. Zur Zeit der Generalkirchenvisitation (einer Überprüfung der geistlichen Amtsführung und des kirchlichen Lebens) von 1564 gehörte das Dorf zum Kirchenamt Wolmirstedt und stellte daher auch den Pfarrer. Der musste seine „Schäfchen" auch in Hohenwart he jenseits der Elbe betreuen - diese Verbindung stammt noch aus jener Zeit als die Elbe beide Orte noch nicht trennte. Der erste bekannte Pfarrer hieß Nikolaus Bandhauer. Er legte 1559 in Wittenberg sein Examen ab und führte die evangelischen Lehren in Glindenberg ein (damit erklärt sich das Fernbleiben des katholischen Patrons). Seinen Lebensunterhalt musste er in harter Arbeit selber er wirtschaften. Dazu standen Ländereien und Viehmast frei.
Ein Pfund Wachs jährlich bekam er aus der Kirche, eine Mahlzeit auf dem Neuenhof bei jedem Fest, Abgaben von den Viehwirten (pro Fohlen, Kalb und Ferkel zwei Pfennige), Einnahmen aus Verpachtung von Höfen und dazu geringe Accidenzien (Nebeneinkünfte aus Taufen, Trauungen, Grabreden).
Auch die „Zweigstelle" - das Filial Hohenwarthe - versorgte den Pastor mit Getreide, Holz und Abgaben in Form von Lebensmitteln und Geld. Die Kirche in Glindenberg hatte Besitztümer wie das Niklasholz (auch Bauernbusch genannt), Kühe und Bienenstöcke.
Der Krieg ernährt den Krieg
1552 statteten die Magdeburger Kriegsknechte unter Moritz von Sachsen der Kirche von Glindenberg einen unfrei willigen „Besuch" ab. Nach der Plünderung fehlten eine Monstranz (kostbares, mit Gold und Edelsteinen gestaltetes liturgisches Schaugerät mit heiligen Hostien), ein silbernes Lamm, Kelche, Weihwasser, Gewänder und Geld.
Ab 1617 war Pastor Joachim Calvor hier im Ort, der in den Wirren des 30-jährigen Krieges sein Amt aufgab. In dieser Zeit besuchten die Glindenberger die Gottesdienste in Barleben und Meitzendorf.
Das Schicksal der Glindenberger war in den Machtkämpfen des Dreißigjährigen Krieges eng mit Wolmirstedt verbunden. 30 Jahre tobte in Europa eine vordergründig als Glaubenskrieg deklarierte
Auseinandersetzung zwischen evangelischen und katholischen Königreichen, Fürstenhäusern und Herzogtümern. Tatsächlich galt das Blutbad der politischen Machtverteilung auf dem Kontinent. Die erste Phase (Böhmisch-Pfälzischer Krieg 1618 bis 1623) erfasste das spätere Sachsen-Anhalt noch nicht. Erst nachdem der Dänenkönig Christian IV. in die Kriegshandlungen eingriff und 1625 die Altmark besetzte, erreichte der große Krieg auch meine Region. In der zweiten Phase, dem Niedersächsisch-Dänischen Krieg (1624 bis 1629) marschierten die kaiserlichen Truppen unter den Feldherren Albrecht von Wallenstein und Johann von Tilly in die Börde ein. Das Eintreiben von Steuergeldern, Plünderungen und gewaltsame Übergriffe auf die Bevölkerung - das waren die Folgen nach Wallensteins menschenverachtendem Motto: „Der Krieg ernährt den Krieg". Die Bevölkerung litt: Felder blieben unbestellt. Es gab keine Zugtiere für die Bodenbewirtschaftung. Lebensmittelvorräte gingen zur Neige. Die Preise für Getreide, Brot und Fleisch stiegen ins Astronomische. Hunger zog in Glindenberg ein. Mehrfach wechselte das Kriegsglück - Gewinner wurden besiegt, Besiegte gewannen Schlachten. In Wolmirstedt und Umgebung trieben nach Abzug der Armeen versprengte Truppen und Soldaten ihr Unwesen, plünderten wo noch etwas zu holen war. 1646 standen zum letzten Mal Truppen im brennenden Wolmirstedt - nur noch 24 Häuser standen, 12 Menschen wohnten noch in der Stadt. Elbeu war völlig zerstört - hier war keine Menschenseele mehr zu finden. Die in unserer Nähe liegenden Ansiedlungen Döbberitz, Olden Vleite und Ezicle verschwanden von der Bildfläche. Auch Glindenberg war völlig zerstört, Kirche und Gebäude in Flammen aufgegangen.
In dieser schweren Zeit verschlug es mich, Christian Becker, in die Elbesiedlung. 1657 zog ich von Kloster Berge in Magdeburg kommend hierher um. Die Menschen kehrten zurück und begannen den schweren Neuaufbau. 1658 kümmerte ich mich auch um die Instandsetzung des Dorfes Hohenwarthe und dessen Kirche. Doch kaum hatten wir hier die Aufbauarbeiten abgeschlossen, stand das Dorf wieder in Flammen. Ein schwerer Brand nach einem Gewitter verwüstete unsere Ortschaft erneut.
In Glindenberg bin ich als Pastor richtig sesshaft geworden. Wie in dem Verzeichnis „Löbliche Brauer- und Becker-Innung Kinderbuch der alten Stadt Magdeburg" (1634 bis 1695) verzeichnet ist, erblickten 1658 mein Sohn Hans-Jacob, 1660 meine Tochter Anna und 1663 Catharina Elisabeth das Licht der Welt. Mutter war Elisabeth Döhrens. Elf Kinder gehörten zu meinem Haushalt. Das letzte Kind - ein Sohn - erblickte 1691 das Licht der Welt nachdem ich in demselben Jahr ein zweites Mal geheiratet hatte. 38 Jahre war ich Pfarrer, bis ich 1695 im Alter von 66 Jahren zu meinem „Dienstherren" gerufen wurde. Meine Ruhestätte fand ich in der Kirche Sankt Nikolai zu Glindenberg direkt vor dem Altar.
Viele Nachfolger begleiteten mein Amt bis in die heutige Zeit. Mal waren ihre Gastbesuche hier an der Elbe kurz, manche hielten es über Jahre aus - so wie Pfarrer Karl Wilhelm Caspar, der von 1828 bis 1871 über 43 Jahre Gottesdienste leitete. Bis 1793 schipperten meine Kollegen über die Elbe nach Hohenwarthe. Pfarrer Friedrich Daniel Deichmann, der bis 1782 hier in der Kirchengemeinde wirkte, hatte die Nase voll, bei Wind und Wetter über die Elbe zu fahren. Im Winter fiel er sogar ins Wasser und konnte gerade noch von seinem Kantor gerettet werden. So blieben Kranke und Sterbende in Hohenwarthe ungetröstet, musste die versammelte Gemeinde an manchen Sonntagen ohne Predigt auskommen. Die ostelbische Gemeinde nahm dies zum Anlass, beim König um Trennung von der westelbischen Gemeinde zu bitten. Per Kabinettsorder vom 10. April 1794 gehörte Hohenwarthe von nun an zu Lostau und somit zum Brandenburgischen. Darüber waren die Gemeindemitglieder dann doch nicht so glücklich. 1807 wollte man die Wiedervereinigung mit Glindenberg, die allerdings nicht mehr umsetzbar war. Auf der Suche nach neu en Einkünften (aus Hohenwarthe gab es keine Einkünfte und Abgaben mehr) wandte sich die Gemeinde gen Heinrichsberg.
Soli Deo Gloria -Allein Gott die Ehre
Aus alten Aufzeichnungen ist bekannt, dass auf dem höchsten Teil des Dorfes Glindenberg bereits um 1300 ei ne Wehrkirche stand. Der als Turm er richtete Sakralbau war Funktionsgebäude und Gotteshaus in einem - oh ne Kirchturmspitze, der Eingang ging auf der Südseite direkt ins Kirchen schiff. Eine Treppe führte so in das Innere des Turmes, die im Ernstfall hochgezogen werden konnte. So konnten sich die Bewohner hier zusätzlich und sicher verteidigen.
Die im Dreißigjährigen Krieg stark zerstörte Kirche war ab 1650 nur not dürftig wiederaufgebaut als Gotteshaus nutzbar. 1654 wurde vom Glockengießer Georg Schreiber aus Magdeburg eine Glocke für Glindenberg gegossen. Sie läutete 263 Jahre in Freud und Leid, verkündete vom Anfang und Ende eines Lebens, alarmierte bei Bränden, Kriegen und Unwettern. 1917 schlug ihr letztes Stündchen - für Kriegszwecke musste sie vom Turm und wurde eingeschmolzen. 1924 stifteten 40 Gemeindemitglieder St. Nicolai eine neue Stimme. 151 Kilo schwer wurde sie von Franz Schilling in Apolda gegossen. Ihre Inschrift „Du alte Glocke ward Opfer im Krieg - für Vaterland und Not. Du neue künde Trost, Heil und Sieg! Das helfe Gott. Soli Deo Gloria - Allein Gott die Ehre". Die größere Glocke goss Christian See 1744 in Magdeburg. Einen Teil der Kosten für den 600 Kilo schweren Klangkörper übernahm der Magdeburger Kaufmann Valentin Haeseler, dessen Frau hier einen Gasthof betrieb. Die Glocke trägt die Inschrift „Unser Herr Jesu schütze, unter der überaus glücklichen Regierung des durchlauchtigsten und großmächtigsten Herrn Friedrich II., König von Preußen!"
Im März 1727 begannen die Glindenberger mit den umfangreichen Umbauten ihrer Kirche, die schon am l0. Oktober 1727 beendet waren. Der Eingang der Kirche befand sich nun auf der Nordseite, der Zugang zur Kirche erfolgte direkt durch den Turm. Ein Zweites kam bei den Umbauten dazu, die Turmspitze erhielt eine Wetterfahne und Kugel. Somit hat sie die jetzige Gestalt angenommen. Von 1899 an zeigte eine Uhr in drei Himmelsrichtungen (außer nach Neuhof, was die dortigen Anwohner sehr verärgerte) die aktuelle Zeit.
Am 7. Juli 1879 erklang zum ersten Mal die noch jetzt vorhandene Orgel. Ihr Preis belief sich auf 4450,84 Mark und besaß zwei manuelle Pedalen und 14 Stimmen. Zum Aufstellen war ein Tieferlegen des Orgelchores und der zwei Empore notwendig.
Weitere Umbauten folgten: Die unansehnlichen quadratischen Fenster bekamen ein neues Aussehen - mit halbkreisförmigem Abschluss und rautenförmiger Bleiverglasung versehen, erstrahlten sie den Innenraum. Weitere Erneuerungen waren Sitzbankerneuerung, zweiflügelige Eingangstür und Zwischentür mit Glasscheiben, gebrannte Tonfliesen im Hauptgang. Die Deckenerneuerung und Malerarbeiten erledigte Maler Heinrich aus Wolmirstedt. Die alte Kanzel, die über dem Altar stand, wurde beseitigt und durch eine neue an der Ostseite der Kirche in Fachwerk angebracht. Die alte - aus Holz bestehende Sakristei - stand zu niedrig und war daher ständig feucht. Ein massiver Neubau der Sakristei ersetzte den Holzverschlag. Jedoch musste diese und die Kirchmauer 1981 abgerissen werden, um die Kirche umfahren zu können. Der in der Kirchenmauer eingebaute Kreuzigungsstein stammt aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das aus drei Figuren bestehende Relief mit Luna und Sol steht jetzt im Turmbereich der Kirche. Während der Bauphase erfolgte der Gottesdienst im Schullokal.
Die Baukosten der am 16. November 1879 wieder eingeweihten Kirche St. Nikolai beliefen sich auf 6929,49 Mark damaliger Währung.
1962 standen erneut Baumaßnahmen an. Der Sakralbau sollte zu einer modernen Kirche umgebaut werden. Die beiden Emporen sowie die Kanzel verschwanden. Zwei schmucklose Treppenstufen aus Ziegelstein ersetzten den Altarraum, angepasst an diese schlichte Architektur auch das Pult und der Taufstein aus demselben Material - beide wurden später wieder abgebaut. Das Kreuz und den Altar fertigte der ortsansässige Stellmacher Reinhold Klöpfel. Leider verlor damit St. Nikolai seine Ausstrahlung als Kirche und wurde zum reinen „Funktionsgebäude" herabgestuft. 1965 begannen Handwerker das Kirchenschiff neu einzudecken. 1986 stiegen sie dem Kirchturm aufs Dach und reparierten die defekte Außenhaut.
Am 4. Oktober 1996 feiern die Einwohner nach 30 Jahren das erste Erntedankfest. Ein feierlicher Gottesdienst stimmt die Einwohner aufs Fest ein.
Die 1967 aus Sicherheitsgründen abgenommene Wetterfahne kommt am 10. Oktober 1997 als Duplikat wieder an die Spitze des Kirchturms. Den Kraneinsatz sponsert der damals existierende Kulturverein. Das Aufsetzen der neuen Wetterfahne übernahmen Jürgen Wolniczak und Joachim Kühne.
Im Jahr 2000 verlässt Pfarrer Ernst Kuhn nach acht Jahren Amtszeit die Gemeinde und übergibt den Kirchenschlüssel an seinen Nachfolger Pfarrer Andreas Nestler.
Ab September 2004 beginnt die Großreparatur am Kirchturmdach. Erstmals schwebt die komplette Kirchturmspitze per Lastkran zu Boden und kann hier genau untersucht werden. Zum Vorschein kommen dabei immense Holzschäden, die einen Austausch von vielen Holzelementen nach sich ziehen. Die Gesamtkosten der Reparatur erhöhen sich dadurch von 75.000 auf 110.000 Euro. Bei der Öffnung der an der Turmspitze befindlichen Kugel kommen einzigartige Zeitdokumente in einer Schatulle aus dem Jahr 1904 zum Vorschein. Der nach 100 Jahren geöffnete Behälter bekommt einen neuen Inhalt: Münzen und Zeitungen aus dem Jahr 2004 und wird anschließend wieder in die Turmkugel eingebracht. Im November 2004 kommen die Laterne, Turmspitze, Kugel und Wetterfahne wieder komplett auf den Turm.
Im Jahr 2006 kommt ein über 100 Jahre alter Taufengel zum Vorschein. Über Jahre fristete er ein Schattendasein auf dem Dachboden der Kirche. Hände und der Eichenlaubkranz sind abgefallen, aber noch vorhanden. Die eineinhalb Meter große Figur ist bemerkenswert gut erhalten und hatte in der Vergangenheit eine weiße Grundfarbe mit Goldelementen. Der Lionsclub Ohrekreis übernahm die Patenschaft und sicherte mit vielen anderen privaten Sponsoren so die umfang reiche Sanierung. Nach Restaurierung und einem Abstecher zur Ausstellung „Tausend Jahre Taufen in Mitteldeutschland", die 2006 im Magdeburger Dom zu sehen war, hängt der Taufengel wieder im Kirchenschiff St. Nikolai.
Im gleichen Jahr erhält auch die Turmuhr von 1899 eine umfangreiche Durchsicht. Bis dahin erfolgte der wöchentliche Aufzug des Uhrwerks per Hand. Von nun an übernehmen Elektromotoren und eine automatische Steuerung den Antrieb der Turmuhr.
Im Mai 2007 bekommen die Fenster im Kirchenschiff eine neue Verglasung und erhellen das Kirchenschiff. Im gleichen Jahr bekommt auch die große Glocke im Turm einen elektrischen Antrieb. Statt Muskelkraft braucht es nun nur noch einen Knopfdruck, um die Glocke ertönen zu lassen.